Variantenreiches Monster

Im Comic-Portal des Tagesspiegel ist nun mein Text zum Variantcover-Wahn um IDWs  in Kürze erscheinendes »Godzilla #1« online gegangen.

Für den Artikel, der unterwegs immer länger geworden ist, habe ich u. a. mit ein paar Comicshops in den Staaten kommuniziert und so ein paar schöne Zitate zu dieser verrückten PR-Aktion des amerikanischen Verlages herbeigeschafft. Doch auch Comicdealer-Schlüsselmeister Burn S. war sich nicht zu schade, mit mir über den ausgefallenen Werbe-Stunt zu quatschen, der doch recht stark nach den schimmernden und glitzernden Comic-Neunzigern riecht.

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Variantenreiches Monster

Der amerikanische Comic-Verlag IDW präsentiert seinen Relaunch von „Godzilla“ mit 80 verschiedenen Covern des ersten Heftes. Für die größte Startauflage in der Verlagsgeschichte muss der Monster-Veteran aus Japan jedoch 75 Comicläden dem Erdboden gleich machen.

von Christian Endres

Was haben Comic-Variantcover und Monster-Trashfilm-König Godzilla gemeinsam? Richtig: Beide gehören sie auf ihrem Gebiet jeweils einer Art an, die schon häufig kurz vor dem Aussterben stand, aber letztlich doch nie ganz tot zu kriegen war. Beide haben sie außerdem ihre besten Jahre lange hinter sich.

Von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, sind spätestens seit dem Kollaps des US-Marktes gegen Ende der 1990er die Zeiten von lukrativen Spekulationsgeschäften mit golden glänzenden Foil-Variantcovern vorbei. Über das adjektivlose „Spider-Man #1“ von Todd McFarlane, das 1990 nicht zuletzt wegen seiner diversen Variantcover-Sammlerstücke 2,5 Millionen Hefte verkaufte, oder über das ebenfalls adjektivlose, in diesem Fall wiederum für Jim Lee neu gestartete „X-Men #1“ von 1991 mit fünf Variantcovern und sagenhaften 8,1 Millionen abgesetzten Exemplaren wird heute in der Branche höchstens noch müde bis nervös gelächelt.

Variants, die dieser Tage bei den großen Verlagsgiganten Marvel oder DC erscheinen, sind in der Regel relativ erschwinglich und nur in den seltensten Fällen wirklich mal schwer zu kriegen. Höchstens ausgewählte Titelbild-Varianten zu speziellen regionalen Anlässen wie Messen oder Börsen sowie „Blanco-Variants“, auf deren weißen Heftcover Künstler ihre individuellen Sketche direkt zeichnen und signieren können, haben zumindest so etwas wie das Potenzial, etwas Besonderes zu sein und bei ebay kurzzeitig für Furore unter den Sammlern zu sorgen, bevor der Sturm sich wieder legt. Variants sind also noch präsent – aber sie haben ihre Anziehungskraft und ihre Magie weitgehend verloren, selbst wenn sie ab und an noch schwach schimmern.

Und Godzilla? Seit dessen ersten Auftritt 1954 ist nicht nur Tokio ziemlich oft in Schutt und Asche gelegt worden. Auch sonst ist viel geschehen: Niedliche Zeichentrickserien fürs Samstagmorgenprogramm. Kreischende, blinkende Actionfiguren aus Taiwan, deren Batterien längst leer sind. Geistreiche Prosa-Verulkungen durch Autoren wie Joe Lansdale oder James Morrow. Und natürlich Roland Emmerich.

Wer ist also überholter und der größere Anachronismus innerhalb seines Ressorts? Good old Godzilla, der selbst noch auf dem Abstellgleis nie genug Hochhäuser und andere Monster in Grund und Boden stapfen kann – oder Comic-Variantcover-Orgien, wie sie diverse mittelgroße US-Verlage in den letzten Jahren gelegentlich dann doch noch immer mal wieder zelebrieren?

Gute Frage – vor allem, da sich die beiden Totgeglaubten in Übersee jetzt auch noch für ein gemeinsames Monster-Revival zusammengetan haben.

Lizenzen und Varianten

Der amerikanische Verlag Idea + Design Works bringt nicht nur schöne Hardcover-Neuauflagen wie „The Wizard’s Tale“ oder „The Rocketeer“ heraus. Bei IDW sammelt man seit einigen Jahren auch fleißig Lizenzen und verarbeitet sie in eher durchwachsenen Comics zu „Transformers“, „G. I. Joe“, „Star Trek“ oder „True Blood“ – Produktionen für Hardcore-Franchise-Fans. Der nächste Coup des 1999 gegründeten Verlages aus San Diego, der mittlerweile zu den fünf größten Comic-Publishern in den Vereinigten Staaten gehört: Die Auferstehung Godzillas, und zwar im Comic!

2012 soll der unermüdliche Antiheld erneut in einer amerikanischen Filmproduktion zu sehen sein – Grund genug für die IDW-Macher, den Monsterfilm-Oldie schon ab März 2011 eine neue Heftserie zu spendieren, obgleich Godzillas Glanzzeiten selbst im Comic weit zurückliegen, als der „King of the Monsters“ 1979 in seiner eigenen, gerade mal 24 Hefte umfassenden Marvel-Serie einst sogar gegen die Rächer um Iron Man und Thor antrat.

Damit die neue IDW-Serie 2011 trotzdem richtig gut aus den Startlöchern kommt, hat man sich nicht nur die Dienste von „Green Arrow“-Zeichner Phil Hester und von Autor Eric Powell gesichert, dem Mann hinter der Erfolgsstory des ordentlich unanständigen „Goon“. Zusätzlich bekommt „Godzilla #1“ gleich noch eine ganze Heerschar Variant-Cover. Fünf davon standen von vorne herein fest: Das Standardcover, ein Variantcover von Alex Ross („Marvels“), ein Variant für den Fachhandel, ein umlaufendes Wraparound-Cover von Powell sowie das limitierte Variant, das es im April exklusiv auf der Wondercon in San Francisco geben wird.

Lokale Besonderheit

Die übrigen 75 Variants von Cover-Zeichner Matt Frank waren aufgrund einer ganz besonderen inhaltlichen Komponente die große Variable in IDWs Spiel mit den Varianten. Das Ergebnis dürfte den Verlag mehr als zufriedenstellen: 75 amerikanische Comicshops konnten am Ende nicht der Versuchung widerstehen, die Ladenfront oder das übergroße Logo ihres Shop-Heiligtums auf einem eigens gezeichneten Variantcover von Godzillas Fuß zertrampelt zu sehen. „Brillante Idee!“, sagt Laurie Biedrzycki, eine der Besitzerinnen von Dreamland Comics in Schaumburg, Illinois. „IDWs Außendienst hat mich informiert“, erzählt ihr Zunftgenosse William Binderup, Besitzer von Elite Comics in Overland Park, Kansas. „Ich bin ein großer Godzilla-Fan, und so brauchte es nicht viel, mich an Bord zu kriegen. Der Cover-Künstler von IDW hat das Variantcover schnell und gut hinbekommen.“ Im Falle von Acme Comics in Greensboro, North Carolina, brauchte es allerdings ein paar Versuche, wie Assistant Manager Stephen Meyer verrät: „Ich habe verschiedene Versionen unserer Ladenfront und unseres Logos hingeschickt, die dann von Zeichner Matt Frank interpretiert und zur Absegnung an Toho [japanischer Rechteinhaber von Godzilla, Red.] geschickt wurden. Wir mussten drei oder vier Versionen des Covers ausprobieren, bis wir alle übereinstimmten. Doch es war ein faszinierender Prozess.“

Also wird die Front von Acme Comics ebenso wie die Fassaden von Elite Comics, Dreamland Comics und 72 weiteren amerikanischen Comicläden auf einem der 75 exklusiven Shop-Variants von „Godzilla #1“ zerstört werden. Dafür mussten Meyer, Binderup und die anderen Comichändler immerhin „nur“ läppische 500 Hefte der ersten Godzilla-Ausgabe für ihren Shop ordern, sodass IDW die normale Auflage des Serien-Starts am Ende um satte 37.500 Hefte aufstocken konnte. Diese Hefte in der Buchbinderei mit einem eigenen Umschlag pro 500 Hefte zu versehen, ist  in modernen Weiterverarbeitungen eine alltägliche Aufgabe und kein Problem. Nichtsdestotrotz erhöht IDW die Erstauflage von „Godzilla #1“ dadurch um eine Zahl, von der so manche Marvel-  oder DC-Serie nur träumen darf, während sie fröhlich mit etwa zwei Drittel weniger Heften pro Monat am zugigen Abgrund zur Einstellung taumelt.

500 lukrative Werbe-Monster

Der Marketing-Stunt des Comic-Frühlings ist Godzilla und IDW damit also geglückt, wie man neidlos anerkennen muss. Denn höher war die Auflage eines Comics des US-Verlages bisher nie. Und die Shops? Die müssen durch die Bank von echten Godzilla-Enthusiasten geführt oder erpresst werden. Jedenfalls gibt man sich allenthalben optimistisch, was die 500 vorfinanzierten Hefte angeht, die Anfang März in den Staaten ausgeliefert werden und dann unters Volk gebracht werden müssen. „Alle 500 Hefte werden zwischen dem Erstverkauftag und dem Free Comic Book Day [dem amerikanischen Vorbild zum Gratis Comic Tag, der ebenfalls Anfang Mai stattfindet, Red.] leicht zu verkaufen sein“, prognostiziert William Binderup zuversichtlich. Stephen Meyer in Greensboro sieht es ähnlich: „Wir haben über 400 Kunden, die regelmäßig vorbeischauen, und Matt Frank wird am Free Comic Book Day bei uns vor Ort signieren, was für gewöhnlich noch mal 1500 Besucher in den Laden bringt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir alle Hefte binnen weniger Monate nach Erscheinen verkauft haben werden.“ Und auch in Illinois regiert das Vertrauen. So prophezeit Laurie Biedrzycki geradezu enthusiastisch: „Über unsere Website und den Laden werden wir die 500 Hefte definitiv verkaufen!“ Ein amerikanisches Phänomen? Nicht unbedingt: „Ich hätte da vermutlich auch mitgemacht“, meint Bernie Sterner vom Würzburger Comicladen Hermkes. „Irre Aktion. Und wenn man’s mal durchrechnet, eigentlich gar nicht so übel: Wenn die in den Staaten die Hälfte der 500 Hefte verkaufen, haben sie ihre Kosten schon wieder reingeholt und eine super persönliche Werbung.“

Überleben des Monsters

Wahrscheinlich werden sich die Erwartungen der mit maßgeschneiderten Variantcovern bestückten Händler also erfüllen. Interessanter dürfte es da schon sein, ob neben den Stammkunden mit Sinn für kuriose Erinnerungsstücke an „ihren Laden“ einige eisenharte Sammler tatsächlich versuchen werden, alle Titelbilder über die Websites der jeweiligen Shops und natürlich via ebay zu bekommen.

Noch viel spannender wird es dann in ein paar Monaten, wenn absehbar wird, wie sich der reanimierte Godzilla ohne die künstlich in die Höhe getriebene Druckauflage und den Rummel um die erste Heftnummer schlägt. Schon jetzt steht fest: Im schier unausweichlich erscheinenden Nachruf auf die Serie werden die spektakulär-irrwitzigen 75 Variants genauso Erwähnung finden wie in diversen Markt- und Jahresberichten für 2011. Hier und da sicherlich mit ausreichend Häme.

Andererseits haben gerade Godzilla und Variantcover bewiesen, dass Totgesagte länger leben.

Alle Variantcover von Godzilla #1 gibt es hier zu bestaunen.

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Excelsior!

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