Freaks of the Billy-Regal

Wer ist der fürchterliche Erzfeind des passionierten Buch- und Comiclesers, in dessen Brust auch das Herz eines Sammlers schlägt? Richtig. Platz (ich weiß ja ohnehin nur aus Erzählungen und historischen Aufzeichnungen mit Fotos, dass es hier mal Wände gab. Eigentlich dachte ich immer, dass man direkt auf die Buchregale ein Dach gesetzt hat …).

Wie alle anderthalb bis zwei Jahre, geht auch der Raum in den Regalen, den ich durch die letzte möbelmäßige Erweiterung gewonnen habe (genau genommen habe ich Raum verloren und die Bücher und Comics wieder Raum gewonnen. Irgendwann schlafe ich draußen im Flur vor der Tür), allmählich zu Ende. So sehr ich mich über jeden Cross-Cult-Hardcover in der Qualität von »Hombre«, jeden Panini-Softcoverband oder jedes überformatige Daredevil-Hardcover von Marvel freue – Schluss! Aus! Ende! Genug!, brüllte er. Wie Donnerhall flog das Wort durch den Raum (den von Regalen fast erdrückten Raum, meine ich). Wohin mit dem ganzen Zeug, verflucht?

Vor zwei, drei Monaten habe ich schon mal ein bisschen umgeräumt und mich diebisch gefreut, als ich durch outsurcen der großformatigen Blueberry- und der Prinz Eisenherz-Werkausgaben, des anbetungswürdigen »The Complete Calvin & Hobbes«-Schubers und ein paar überformatigen Sachbüchern wie »Spider-Man: The Icon« und Artbooks wie »Black and White« von Time Sale oder »The Art of Usagi Yojimbo« von Stan Sakai einen knappen Meter Regalplatz hier gegenüber des heimischen Arbeitsplatzes gewonnen habe.

Tja. Einen etwas verschwendungssüchtigen Einkaufstummel später, bei dem ich mir die beiden fetten Daredevil-Omnibusse mit den kompletten Runs von Frank Miller, Klaus Janson und Co. ins Regal gestellt habe, sieht das schon nicht mehr ganz so rosig aus. Spätestens wenn im September endlich der fünfte Band der »Invincible Ultimate Collection« und der zweite Daredevil-HC von Mr. Bendis kommen, ist auch der kürzlich gewonnene Platz im Comic-Hardcover-Regal wieder zerronnen (ich muss image am Ende wohl sogar dafür danken, dass sie das Papier von Band zu Band dünner machen …).

Und wo ich die neue rote »Der Herr der Ringe«-Gesamtausgabe von Klett-Cotta hinstelle, weiß ich auch noch nicht so genau (die wird mir demnächst wohl auch mal einen eigenen Eintrag wert sein; immerhin habe ich mir vorgenommen, dieses Jahr mal wieder den HdR zu lesen, und da wäre diese neu durchgesehene Ausgabe der alten Übersetzung doch ein guter Grund, den eitlen Vorschlag auch in die Tat umzusetzen, Zeitmangel hin oder her).

Gestern habe ich dann wie ein panischer Feldhamster auf Speed wieder ein bisschen zwischen den Regalen hin und her geschoben. Ausgemistet (marginal), umgeschichtet (massig), neu sortiert (zwecklos) und angeordnet (der schöne Schein), schweren Herzens zwei Doppelreihen angelegt (argh!) – ihr kennt das ja. Das Ende vom Lied: Ich schaue nun auf einen 1-Meter-Stapel mit Comic-Belegen aus den letzten 12 Monaten – und habe keine Ahnung, wohin mit dem Stoff. comikat-Hardcover, Cross-Cult-Hardcover, Modern-Tales-Hardcover, das letzte Eidalon-Softcover (»Queen & Country« Bd. 8), und darunter noch ein paar Softcoversachen. Gnah.

Freaks of the Heartland, Cross Cult, August 2008Immerhin, das verzweifelte Umräumen hat eine schöne Sache mit sich gebracht: Ich hab – wie ich das bei der Gelegenheit eigentlich immer mal ganz gerne tue – wieder einmal durch ein paar Comic-Bände geblättert, zu denen ich einen Artikel beigesteuert habe. »Bigfoot« und der erste Band mit den neuen Comic-Abenteuern vom »Lone Ranger« sind jeweils noch zu frisch, um sie jetzt schon noch einmal anzuschauen . Aber z. B. der verdammt schön und stimmig aufgemachte »Freaks of the Heartland«, das vor genau einem Jahr bei Cross Cult als Einzelband erschienen ist, habe ich noch mal durchgeblättert.

Ich hatte die von mir geführten Interviews ehrlich gesagt etwas schwächer in Erinnerung (Selbstkritik muss sein. In dem Fall lag es primär daran, dass Greg Ruth’ ausufernder Gesprächs-Part verdammt schwierig und unangenehm zu übersetzen war, wie ich mir mit Grauen noch mal ins Gedächtnis gerufen habe. Greg ist ja ein netter Kerl und wirklich toller Zeichner – aber er drückt sich in Mail-Interviews anscheinend gern etwas snobbistisch aus).

Aber alles in allem haben mir die Gespräche mit Mr. Niles und Mr. Ruth dann doch ziemlich gut gefallen, als ich sie mit einem Jahr Abstand noch mal gelesen habe. Für das kritische Schreiberherz, das eigentlich immer vor dem Re-Read eigener Sachen zittert, keine schlechte Sache. Die positiven Überraschungen beim Umräumen eben.

Aber was mach ich denn jetzt mit dem Stapel, der da immer noch bei jedem lauen Lüftchen, das durch die offene Balkontür rein kommt, wackelt und wankt wie Axel Schulz ab der vierten Runde?

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