
Dee Dee Ramone: Chelsea Horror Hotel
Ich nutze den faulen Sonntag zwischen Tagen voll mit zahllosen Redaktionstexten für Panini, Cross Cult und Geek! #2 dann mal wieder für eine Handvoll Impressionen vom Lesestapel der letzten Wochen. Ein paar der Titel erfahren demnächst in der phantastisch! oder der zitty ausführlichere Besprechungen, die ich dann hier vermutlich auch noch mal aufgreife.
»Chelsea Horror Hotel« war der einzige Roman von Ramones-Mitbegründer und Punk-Legende Dee Dee Ramone. Splattert ganz schön, das gute Stück, bricht nach knapp der Hälfte aber auch mal spürbar ein. Trotzdem ein interessantes Buch für alle, die ihren Horror gern fiebrig, hart und voller Drogen und Exzesse haben. Ein wirres, wüstes Denkmal für das legendäre Gemäuer im Herzen von New York City und seine dekadente urbane Legende. Die liebevolle Aufmachung des Wiener Milena Verlags rockt außerdem mal wieder tierisch.
In »Die Sisters Brothers« erzählt Patrick deWitt die Geschichte des ungleichen Auftragskiller-Brüderpaares Eli und Charlie Sisters – und hat sich damit einen eigenen Zugang zum Western-Genre gesucht. Kann letztlich nicht immer 100% überzeugen, die Übersetzung scheint manchmal auch etwas suspekt, aber unterm Strich war die Empfehlung von erfahrenen Trappern wie Neil Gaiman und Lemony Snicket schon gut. Ein moderner Ansatz – ohne verklärte Revolverhelden, ohne Mythologisierung, und immer auf der Klinge zwischen Tragödie und Komödie balancierend. Kein »Deadwood« von Pete Dexter, aber absolut lesenswert, wenn man auf Western steht und da auch mal andersartige und vor allem schrägere Sachen mag.
Verrückt wie der Märzhase: Da muss man schon seine Schlittschuhe anziehen, wenn Jack Taylor ermittelt – denn es wird ein heftiger Ritt. Aber auch ein intelligenter. Taylor mag kosken und saufen und scheitern, zwischendruch strahlt der belesene Ex-Cop vor lauter Weisheit und Poesie jedoch förmlich. Zitiert im zweiten Band »Jack Taylor liegt falsch« fröhlich Raymond Chandler und Jim Dodge und Jack Nicholson, und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Doch so sieht es eben aus, wenn ein promovierter Metaphysiker lakonische irische Detektiv-Krimis schreibt. Dank Ken Bruen und Übersetzer Harry Rowohlt ist jede Seite dieser ungewöhnlichen Hardboiled-Filetstücke eine Herausforderung, aber zugleich auch ein Genuss. Mann, ist das gut. Hoffentlich macht dtv im Frühsommer 2013 mit den Taschenbüchern weiter. Das ist noch lange genug hin, und die Paperbacks sind eine große Verlockung…
Nachdem Bruen unter anderem auch Jim Dodge zitiert hat, erinnerte ich mich daran, wie sehr mir damals Dodges »Fup« gefallen hat, und dass ich mir immer »Die Kunst des Verschwindens« von Dodge holen wollte, das Buch antiquarisch aber immer recht teuer war. Nun für ‘nen läppischen Zehner als halbwegs sauberes Exemplar gekriegt. Worum geht’s? Ein Hippie-Roman, wie einige Kritiker bemerkten und ferner bemängelten, aber sicherlich kein schlechter! Die Stärken liegen zwar fraglos in den ersten beiden Dritteln, und die letzten 120 Seiten sind tatsächlich ziemlich mühsam, aber das macht nichts. Das ist wie die Frage, ob Serien mit 40 guten Folgen, aber ohne Ende oder mit mauem Serienfinale letzten Endes nun sehenswert sind oder nicht. Ob der Weg auch mal das Ziel ist oder das Komplettpaket über den Genuss entscheidet. Romane mit nicht ganz so überzeugendem Schluss, die mich über 300 Seiten bestens unterhalten haben, erachte ich aber als lesenswert. Und jetzt weiß ich endlich auch, was man machen muss, damit Chilis so richtig gemein werden: Man muss sie beschimpfen, auf sie einschlagen und … und noch ein bisschen mehr.
Excelsior!