Biokrieg mit dem The Windup Girl
Montag, Februar 28th, 2011In den letzten Monaten habe ich keinem anderen Roman mit so viel Spannung und so großer Erwartung entgegengeblickt wie Paolo Bacigalupis »Biokrieg«. Zwar habe ich damals das wunderschöne US-Hardcover gekauft, doch das war mir etwas zu schwer zu lesen, und so habe ich geduldig auf die deutsche Übersetzung gewartet, während Bacigalupi einen Preis nach dem anderen abgeräumt hat.
Anfang Februar ist sein Roman »The Windup Girl« nun endlich bei Heyne erschienen, und ich habe ihn vor ein paar Tagen ausgelesen und inzwischen rezensiert. Die Rezension wird in der nächsten phantastisch! enthalten sein, während eine kürzere Fassung irgendwann demnächst auch in der zitty abgedruckt wird (letztere Fassung schrieb ich zuerst, daraus entwickelte sich übers Wochenende spontan die Langfassung, die ihr gleich zu lesen kriegt).
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Paolo Bacigalupi
»Biokrieg«
Übersetzt von Hannes Riffel u. Dorothea Kallfass
Heyne, 2011, 608 Seiten
ISBN 978-3453527577
»Biokrieg« ist die lang erwartete Übersetzung des Science-Fiction-Romans »The Windup Girl« (2009) von Paolo Bacigalupi, der dafür u. a. mit dem Hugo und dem Nebula Award ausgezeichnet wurde, den beiden wohl wichtigsten Preisen des Genres (den Hugo musste Bacigalupi sich allerdings mit China Miévilles »Die Stadt & Die Stadt« teilen). In seinem Roman-Debüt taucht Bacigalupi erstmals über die volle Distanz in die ›ausgebrannte‹ Biopunk-Welt seiner zuvor bereits prämierten Kurzgeschichten und zeigt uns die nicht allzu ferne Zukunft, nachdem die alte Ordnung durch Profitgier, Krieg und Klimawandel in die Knie gezwungen worden ist. Kalorien und Joule sind hier die neuen Dollars, so wie Energie- und Bio-Technik diese ›deglobalisierte‹ Ära der Gen-Hacker, Kurbel-Computer, künstlichen Aufziehmenschen, Samen-Datenbanken, Spannfeder-Fabriken, Importverbote und der ständigen Seuchengefahr beherrschen.
Dennoch rumort etwa in Bangkok ein ganz eigener Alltag zwischen Garküchen mit illegalen Methanbrennern, Bordellen, Hafenanlagen für Boote und Luftschiffe, Tempeln vieler verschiedener Götter, Geisterkatzen, gewaltigen Slums und Industrievierteln. Die Metropole ist geschützt von gewaltigen Deichen und größtenteils abgeschottet von den verhassten Mächten des Westens, deren eigene Küstenstädte noch immer verwüstet sind – was die großen Gen-Konzerne nicht davon abhält, die Finger in Form von Scouts wie Anderson Lake nach den Samen-Datenbanken Thailands auszustrecken, wo sogar die Nachtschattengewächse kürzlich ihre Rückkehr gefeiert haben. Dabei ist die Lage in der Hauptstadt des Königreichs auch so schon brisant genug, ist man doch stets in Erwartung des nächsten Putsches oder der nächsten Epidemie. Die komplexe, korrupte Großstadt, in der die Wolkenkratzer nur noch von Schlingpflanzen überwucherte Relikte sind und Fahrräder, Rikschas und genveränderte Riesenelefanten das Bild in den Straßen prägen, steht erneut kurz vor einem Wandel und ist vom erbitterten Machtkampf zwischen Umwelt- und Handelsministerium zerrissen.
Diesen von innen wie von außen befeuerten Konflikt, in dem es auch nach der Katastrophe wieder nur um Macht geht, treibt Bacigalupi in seinem toll geschriebenen Near-Future-Thriller nun auf die Spitze, während er uns durch seine bestechliche Welt ohne fossile Brennstoffe und Weight Watchers steuert und die unausweichliche Eskalation samt ihrer Darsteller in Position bringt.
Über weite Strecken wird Bacigalupis seitenstarker »Biokrieg« all seinen Vorschusslorbeeren gerecht und präsentiert sich als packender, bodenständiger, in den gerne totgeschwiegenen Problemen und Gefahren unserer Moderne verwurzelter SF-Schmöker allererster Güte. Da lässt sich sogar der Verlust des tollen Original-Covers von Raphael Lacoste halbwegs verschmerzen.
Ein äußerst vielseitiger, packender und gehaltvoller Roman.
Christian Endres
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Ich hab hier und da gelesen, dass sich Leser unsicher waren, ob das nun »Steampunk« ist oder nicht. Ich seh das so: Nicht jedes Buch, in dem es mit Energie und Brennstoffen rückständig zugeht, muss nun gleich Steampunk sein. Und wenn, dann wäre Bacigalupis hervorragender Roman Neo-Steampunk. Aber mit »Biopunk« fährt das Buch schon ganz gut, auch wenn das recht modisch klingt.
Well. »Biokrieg« – Unbedingt lesen, my fellows. Und ich hoffe ja sehr, dass wir bald Bacigalupis Storysammlung auf Deutsch zu sehen bekommen. Denn wenn die vielen Preise und Auszeichnungen den packenden Roman nun schon wider anfänglichem Erwarten doch nach Deutschland gepeitscht haben, sollte das doch auch für die Storys möglich sein …
Excelsior!











