Archive for November, 2010

Wir drehen einen Film!

Dienstag, November 30th, 2010

Ihr erinnert euch an meinen Tagesspiegel-Text über »The Price?«.

Nein? Macht nichts, ich fass es noch mal kurz zusammen: Animationskünstler Christopher Salmon wollte mit Hilfe der Online-Plattform kickstarter.com genau einen Monat lang monetäre Versprechen privater »Investoren« sammeln, um seine computeranimierte Kurzfilm-Adaption von Neil Gaimans Fantasy-Kurzgeschichte »Der Preis« zu finanzieren. Dafür veranschlagte Salmon die Rekordsumme von 150.000 Dollar als Ziel, wohl wissend, dass die zugesagten Gelder nur dann fließen würden, wenn diese Summe auch wirklich erreicht werden würde. 130.000 wären für einen Film dieser Dimension zwar durchaus auch okay gewesen – doch Salmon würde keinen Cent sehen. Es hieß 150.000 Dollar, oder nichts.

Nach zehn Tagen hatte das begeistert aufgenommene Projekt bei Kickstarter.com gut 700 Unterstützer, und von den benötigten 150.000 Dollar waren bereits über 51.000 zugesagt worden. Die erste große Resonanz war vor allem der Mithilfe von Fantastik-Virtuose Neil Gaiman höchstpersönlich zu verdanken gewesen, der über seinen Blog und seinen Twitter-Account viele seiner Fans rund um den Globus aktivierte.

Trotzdem, sechs Tage vor Schluss sah es gar nicht so gut aus für »The Price«: Das ehrgeizige Projekt hatte ungeachtet aller Euphorie der ersten zehn Tage vorübergehend seinen Schwung verloren und war bei etwas mehr als 90.000 Dollar eingeschlafen. Salmon bloggte und twitterte und gab Interviews, was das Zeug hielt – in den letzten 100 Stunden mussten jedoch noch immer fast 50.000 Dollar her!

Eine stattliche Summe, und eine gewaltige Zitterpartie.

Dann jedoch die vorläufige Erleichterung: 23 Stunden vor Ablauf der Frist am 1. Dezember erreichte der Zähler die Marke von 144,719 Dollar. Die Aufregung war entsprechend groß, das Gelingen zum Greifen nah.

Keine sieben Stunden später schließlich die Gewissheit: Noch 16 Stunden Laufzeit, doch der Zähler steht schon bei 151,484 Dollar – das Ziel ist erreicht, das Geld wird fließen, und Christopher Salmon seinen 20-minütigen Animationsfilm realisieren können.

Dank 1872 vornehmlich privaten Produzenten, die in der Regel zwischen 10 und 100 Dollar, ein paar wenige aber auch 1000 bis über 5000 Dollar in den Traum eines sympathischen Künstlers aus Utah investiert haben, den dieser im Internet mit Hilfe eines kurzen Video-Trailers, einem Blog, den Social Networks, digitaler Mund-zu-Mund-Propaganda und natürlich etwas Schützenhilfe von prominenter Seite präsentiert hat.

»Ich fühle mich wirklich wahnsinnig geehrt, dass mir diese Chance von so vielen anderen ermöglicht wurde, die diese Geschichte fraglos genauso lieben wie ich«, sagt Christopher als erste Reaktion auf das Gelingen seines Vorhabens. »Nun geht es mit Strategie-Besprechungen mit meinen Co-Produzenten Nathaniel Hansen und Cat Mihos weiter. Mit diversen Filmfestivals im Blick. Und natürlich immer darauf bedacht, nicht alle fünf Minuten einen Freudentanz aufzuführen.«

Congratulations, Christoher!

Nächste Woche, wenn er die Freudentanzintervalle etwas runtergefahren hat, unterhalte ich mich noch mal etwas genauer mit ihm, um die Zukunftsaussichten des Films zu erörtern (und um somit meine umgebaute Textfassung für Heynes nächstes »Das Science Jahr« noch mit ein paar schönen Zitaten aufzuwerten).

Excelsior!

Aus dem Schnee geritten

Dienstag, November 30th, 2010

Ein Vögelchen hat mir gestern Abend aus dem Schneegestöber heraus gezwitschert, dass die wohl sehr schön gewordenen Hardcover von »Die Schwestern« heute und morgen an die Direktbesteller versendet werden.

Auf die Paperbacks warten wir selbst noch – vor Weihnachten sollte aber auch hier klappen, selbst wenn es mit Barsortiment und Amazon dann etwas eng werden könnte. Das im Übrigen aber trotzdem ohen Gewähr. Nicht, dass am Ende wieder Beschwerde-Threads bei Amazon aufgemacht werden, was man nicht alles erleben muss …

Für 2011 werden wir neben dem Curran übrigens noch eine Horror-Novelle bei Atlantis bringen. Den äußerst namhaften Namen verrate ich euch, sobald die Tinte trocken ist.

Excelsior!

Leseproben: Zombie-Doppelpack

Samstag, November 27th, 2010

Bald geht wieder die Zeit los, da jeden Morgen ein Türchen im Adventskalender geöffnet werden darf. Wie vorweihnachtlich. Bisschen Schnee liegt ja auch schon.

Hier dürft ihr jedoch heute schon eure Türchen aufmachen und die Leckerchen herausholen, denn ich habe noch mal zwei PDF-Leseproben zu »Die Zombies von Oz« gebastelt:

Einmal die ersten Seiten des Buches, also meine Einleitung, Gregs Vorwort und seine Oz-Illustration, und natürlich das erste Dutzend Seiten der Titelstory um Dorothy, Toto und Frank samt Volkans erster Illustration.

Und dann noch die erste der zwölf im Band enthaltenen Kurzgeschichten, die im Anschluss an die Titelstory folgen.

Doch Vorsicht: In beiden gibt es einige Zombies zu sehen. Und weder der Anfang des Kurzromans, noch die erste Story sind besonders zimperlich …

Einleitung, Vorwort und die ersten zwölf Seiten der Titelstory
»Die Zombies von Oz«

Erste der zwölf nachfolgenden Kurzgeschichten:
»Kein Abschied hält ewig«

Viel Spaß damit.

Excelsior!

Erste Sünden

Freitag, November 26th, 2010

Das neue Jahr kratzt noch nicht mal richtig am Lack des alten, da habe ich bereits meine erste Sünde für 2011 begangen: Denn ich habe mir die Deluxe-Ausgabe des Starstruck-Sammelbandes von IDW für März vorbestellt.

(Nachdem die Hatz nach der Erstauflage der US-Deluxe-Ausgabe des »Rocketeer« Ende letzten Jahres ein fanboynervenzerreißendes Erlebnis war, wollte ich diesmal früh genug die Pfote drauflegen – und im diese Woche erschienenen Previews-Katalog bot sich zum ersten Mal die Möglichkeit, den Band für 2011 prezuordern vorzubestellen).

Wer mich zu diesem 50-Dollar-Leckerbissen verführt hat?

My job.

Genauer gesagt die redaktionellen Texte zu einem künftigen Marvel MAX-Band mit der kompletten Miniserie Marvel Zombies 5. In diesem sehr verspielten, sehr verrückten Band gibt es nicht nur Howard the Duck bis zum Abwinken, untote Westernhelden und Ritter aus dem Marvel-Multiversum, sondern in der Ritter-Episode auch ein paar Seiten von the legendary Michael Wm. Kaluta. Als ich seine letzten Arbeiten für die Biografie auf der Klappe am Cover des deutschen Bandes checkte, fiel mir der Sammelband ins Auge – die Einzelhefte der Neuauflage hatte ich bewusst liegen gelassen, darauf spekulierend, dass IDW wenigstens ein Hardcover macht.

Oversized und Deluxe ist natürlich … na, deluxe eben.

Ich verpass der Ente und den Zombies dann mal den letzten Schliff – geradezu erholsam, nachdem das Editorial zu »Im Netz von Spider-Man #29« aufgrund der enthaltenen 4,5 US-Hefte Amazing Spider-Man eine echte Herausforderung für geschwätzige Redakteure war, zumal ich auch noch eine relevante US-Miniserie kurz umreißen musste, die wir nicht auf Deutsch sehen werden. Und ich wollte natürlich unbedingt über den – genau – legendären Joe Jusko schreiben, dessen Variant wir als Cover des deutschen Heftes nehmen. Irgendwie hat’s aber hingehauen. Also, dann mal back in quack …

Excelsior!

Out now: Das COMIC! JAHRBUCH 2011

Donnerstag, November 25th, 2010

Ende letzter, Anfang dieser Woche ging das ICOM COMIC! JAHRBUCH 2011 in die Auslieferung.

Ich bin sehr gespannt auf mein Beleg (wie immer eben …), hoffe, dass diesem ambitionierten, fachkundigen Werk endlich mal die gebührende Aufmerksamkeit zuteil wird, und teaser im Folgenden mal kurz meinen eigenen Beitrag.

Dieses Jahr habe ich mich mit den Comics zur Welt von SF-Heftroman-Ikone Perry Rhodan auseinandergesetzt – primär mit den Heften der Alligator Farm, aber auch dem neuen Perry-Comic von Splitter-Verleger Dirk Schultz, der [der Comic, nicht Dirk ...] langsam aber sicher in Richtung Startrampe geschoben wird.

Meinen Text (mal wieder einer von der eher längeren Sorte mit seinen etwas mehr als 22.000 Zeichen) habe ich mit vielen Zitaten angereichert, da ich mich ausgiebig mit Klaus Bollhöfener, Klaus Frick, Kai Hirdt, Dirk Schultz und Maikel Das über die Perry-Comics unterhalten habe.

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Unser Mann im All

Von Weltraumhelden und Alligatoren

von Christian Endres

Der Kalte Krieg befand sich auf seinem Höhepunkt, als die Heftroman-Autoren Clark Darlton – d. i. Walter Ernsting – und Karl-Herbert Scheer 1960 bei einem Treffen in München die größte Science-Fiction-Saga und Heftroman-Serie der Welt aus der Taufe hoben: «Perry Rhodan». Heute hat die Gesamtauflage der gedruckten Abenteuer allein in Deutschland längst die Milliardengrenze überschritten – 2009 feierte man Heft 2500 der ohne Unterbrechung wöchentlich erscheinenden Erstauflage, und im Herbst 2011 zelebriert man mit dem 5. WeltCon in Mannheim unter dem Motto «Die Zukunft hat einen Namen» 50 Jahre Perry Rhodan. Dazu kommen Lizenzausgaben in Frankreich, Holland, Tschechien, Brasilien, Japan und den USA sowie Taschenbücher und Hardcover mit neuen Geschichten und Nachdrucken klassischen Materials. Nicht zu vergessen die obligatorische Legion an Franchise-Artikeln, die auch zum Perryversum dazu gehört und wo heute von Hörbüchern über Computerspiele bis hin zu Modellbausätzen und T-Shirts alles geboten wird – natürlich auch Comics.

Comic-Milchstraße

Comics haben im Perryversum eine lange Tradition, wie an anderer Stelle schon hinlänglich erörtert. Das weiß auch «Perry Rhodan»-Marketingchef Klaus Bollhöfener, der im Serienhauptquartier des Pabel-Moewig Verlags in Rastatt sitzt und die äußerst vitale Marke «Perry Rhodan» steuert und überwacht. Vertrieb, Marketing, Grafik und Chefredaktion werden in Rastatt erledigt, während die an der Serie und ihren Ablegern beteiligten Autoren als Freischaffende dezentral organisiert sind, wie man so schön sagt.

In Rastatt ist man gegenüber Comics dabei durchaus positiv eingestellt: «Comics haben die ‹Perry Rhodan›-Serie seit den Siebziger Jahren immer begleitet, bereichert und ergänzt», sagt Bollhöfener. «Sie sind ein weiteres Format, mit dem wir die Serie in ein anderes Medium transferieren. Zudem haben wir mit den Comics ein zusätzliches Spielfeld, auf dem wir den ‹Perry Rhodan›-Kosmos visualisieren und illustrieren können.» Obwohl die einzige aktuelle Perry-Comic-Serie – «Perry – Unser Mann im All» – aus Verlegersicht von der Alligator Farm ((2))  gesteuert wird, hat man auch in Rastatt mit der Serie zu tun: «Alle Lizenzprodukte müssen zur Prüfung und Freigabe über einen Tisch in Rastatt», erzählt Bollhöfener vom Alltag in der Redaktion. «Insofern gibt es auf der inhaltlichen und kreativen Ebene einen ständigen Austausch zwischen uns und den Alligatoren.» Zumal man auch längst für PR-Zwecke zusammenarbeitet: «Wir stimmen uns über Auftritte bei Veranstaltungen ebenso ab wie über anstehende Marketing- oder Werbemaßnahmen.»

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Den Rest meines Artikels und viele andere, meist sehr gute und umfangreiche Artikel und Martkanalysen und Interviews gibt es wie immer im aktuellen COMIC!-Jahrbuch des Interessenverbands Comic, Cartoon, Illustration und Trickfilm e.V. Check it out!

Excelsior!

Phantastisches aus Main-Franken

Mittwoch, November 24th, 2010

Dienstagmittag kam der werte Herr I. – i. A. u. i. D. – hier vorbei, begutachtete ein paar Bücher und Comics und Artbooks (und war bass erstaunt, als ich während des kurzen Gesprächs über die Kurzgeschichten der großen Ursula K. LeGuin und bei Erwähnung ihrer Story Buffalo Gals, Won’t You Come Out Tonight zielsicher wie ein Bluthund aus dem Zimmer gestürmt bin, um mich andernorts auf einen alten Bastei-Fantasy-Kurzgeschichtenband in einem halb verborgenen, staubigen Regal meiner Sammlung zu stürzen, den ich damals afaik eigentlich nur wegen der Prosageschichte von Alan Moore gekauft habe, seinerzeit über Amazon Marketplace und im Topzustand …) , störte mich wie immer beim Arbeiten ( ;) ) und brachte vor allem den vierten »Temporamores Sonderband: Phantastisches aus Main-Franken«.

Ein sehr schöner Band ist das geworden, vielseitig, informativ, unterhaltsam, und natürlich mit viel Liebe gemacht: Die Vorzugsausgabe für alle Beitragenden – mit händisch eingeklebtem Signaturblatt und kleinem aufgeklebten Batman-Wackelbild-Goodie sowie passender Buchstaben-Nummerierung hintendrin – ist schon ein echtes Highlight. Da ist absolut zu spüren, wie viel Wertschätzung dem bei unserem Fantastik-Aktivisten-Stammtisch geborenen Projekt im Besonderen und schönen Büchern im Allgemeinen entgegen gebracht wird (und da weiß man als Beitragender dann auch, wofür man Ende des Sommers bis zum Krampf auf gefühlten 50 Blatt unterschrieben hat).

Aber auch schon die normale Version des Bandes, die es über die Website und beim Hermke in Würzburg gibt, kann sich allemal sehen lassen und fungiert als sehr schöne Werkschau der vielen Fantastikschaffenden, die hier im unterfränkischen/fränkischen Raum sitzen (bzw. einmal saßen und heute im Exil irgendwo da draußen, auf den schwarzen Flecken der Landkarte, dahinvegetieren).

Die neben einem Interview mit mir im Sonderband abgedruckte Kurzgeschichte »Geschäft ist Geschäft« aus meiner Feder ist bis dato übrigens eine Erstveröffentlichung (auch wenn ich Teile von ihr inzwischen in ein Romanmanuskript eingearbeitet habe, an dem ich weiterschreibe, sobald ich die letzten drei Panini-Editorials vom Tisch habe).

Excelsior!

The Last Days of American Crime

Dienstag, November 23rd, 2010

Dieser Tage ist der US Sammelband zu Rick Remenders und Greg Tocchinis »The Last Days of American Crime« erschienen. Und hinter dem Cover von Alex Maleev verbrigt sich vermutlich einer der besten Krimi-Comics des Jahres – und trotz Brubaker, Azzarello und Co., stammt er nicht von Marvel oder Vertigo, sondern von Radical  Publishing.

Am Montag ist mein Text zum Sammelband bereits im Comic-Portal des Tagesspiegels online gegangen.

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Rick Remender (»Punisher«, »Fear Agent«) und Greg Tocchini (»Thor: Son of Asgard«) planen in »The Last Days of American Crime« den letzten großen Coup in der Geschichte Amerikas: Kurz bevor die US-Regierung in der nicht allzu fernen Zukunft Verbrechen per Funk-Signal und Gedankenkontrolle quasi unmöglich macht und zur Ablenkung von diesem offenen Affront gegen die Menschenrechte auch noch das Währungssystem digitalisiert, wollen Graham Brick und seine Komplizen eine der Aufladestationen für das neue Geldsystem klauen. Dafür bleiben ihnen nur noch zwei Wochen – die Hatz zum letzten großen Verbrechen Amerikas beginnt …

Amerika in der nahen Zukunft. Kriminalität und Terror haben gewonnen und das einstmalige Land der unbegrenzten Möglichkeiten in die Knie gezwungen. Die US-Regierung entschließt sich, das Problem bei der Wurzel anzupacken und per Sendesignal illegale Aktivitäten im Keim zu ersticken, indem biochemische Prozesse, die für ein Verbrechen notwendig sind, permanent geblockt werden. Die Kontroverse ist entsprechend groß, der Massen-Exodus veranlasst Mexiko und Kanada schließlich sogar dazu, die Grenzen abzuriegeln. Die Regierung der Vereinigten Staaten macht zur Ablenkung des gemeinen Mannes indessen einen Nebenkriegsschauplatz auf und lässt die Neuigkeit durchsickern, dass auch das Währungssystem eine drastische Änderung erfährt – es soll digitalisiert werden, wodurch jeder Geldfluss direkt protokolliert und besteuert werden würde.

Letzte Chance

Diese beiden Ankündigungen lassen nur einen Schluss zu: Wer als Berufs-Gangster in dieser verkommenen alten „neuen Welt“ noch ein großes Ding landen will, der muss sich spurten. Das weiß auch der hartgesottene Ganove Graham Brick, der sich aufgrund des knappen Zeitfensters für den letzten großen Coup Amerikas – den Diebstahl einer Aufladestation des neuen Zahlungsmittelsystems – sogar die Hilfe von einem unbekannten Hacker-Pärchen ins Boot holen muss, dem er nicht gerade weit trauen kann: Schließlich verführt ihn die weibliche Hälfte des jungen Paares bereits, bevor sie sich ein paar Minuten später offiziell zum ersten Mal begegnen und über den Coup sprechen …

Düstere Zukunft

Rick Remender geht in seinen Arbeiten als Autor gerne bis an die Grenze, und das meistens mit Erfolg: Marvels obersten und eigentlich grimmigsten Antihelden, den Punisher, hat er vor Kurzem mit Mary Shelleys Frankenstein-Mythos gekreuzt. Seine Science-Fiction-Comic-Reihe »Fear Agent« ist eine trashige Hommage an die großen Weltraum-Abenteuerhelden des Golden Age der Science Fiction, und seine Endzeit-Geschichte »Lone« ist genauso wie sein zeitgenössischer Fantasy-Spaß »The Helm« ein echter Geheimtipp (wohingegen man sein »The End League« nicht wirklich lesen kann, wenn ihr mich fragt).

Nun schuf sich Remender sein eigenes, düsteres Near-Future-Setting, um darin eine klassische Hardboiled-Geschichte zu erzählen. Ein letzter großer Coup mit riesigem Gewinn dient als großes Ziel für eine instabile Gruppe Gauner mit einem ausgeklügelten Plan und ausgesprochen guten Fähigkeiten. Um das große Ding und die kleine Gruppe spielen sich natürlich zahllose dramatische Konflikte, Intrigen und Dilemmas ab, wie das eben bei einer Geschichte dieser Art sein muss. Und auch das ›dreckige‹ Artwork muss sein: Greg Tocchini bringt all den Schmutz und all das Blut in Remenders verkommener Zukunft Seite für Seite zum Leuchten, geizt aber auch nicht mit sexy Einstellungen und weitem Fokus auf die Verlorenheit dieses künftigen Amerikas. Seine Zeichnungen führen uns sehr sicher durch die ziemlich textlastige Story voller Sex und Gewalt, die am Anfang außerdem ein paar Seiten braucht, bis sie richtig läuft, einen danach aber nicht mehr loslässt. Natürlich hätte sein Komplize Rick Remender den sozialkritischen Aspekten des Settings etwas mehr Raum geben können und womöglich sogar müssen – die eigentliche Krimi-Story und ihre Charaktere beeinflusst das aber nicht weiter, und für einen tollen Rahmen genügen die gelegentlichen Schnipsel aus dem Fernsehen allemal.

Neo-Noir

Bis zum allerletzten Panel schlägt Remenders Geschichte mit eingebauter Sogwirkung noch so manchen Haken – da sollte man für die Lektüre schon alle Sinne beisammen haben und sich Zeit nehmen. Dann steht dem Genuss dieses großartigen Neo-Noir-Comic-Krimis aber höchstens nur noch die Sprachbarriere im Weg, denn bisher ist kein deutscher Sammelband in Sicht.

Dafür steht die Leinwand-Adaption des packenden Szenarios, das wie für eine Verfilmung in der Tradition von Heat gemacht scheint, schon in den Startlöchern: 2012 soll die Filmadaption mit Sam Worthington in der Hauptrolle in die Kinos kommen, Tausendsassa Remender schreibt angeblich selbst schon am Drehbuch.

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Excelsior!

Werkstattbericht: Die Zombies von Oz

Sonntag, November 21st, 2010

Wie schon »Der Preis des Lebens« und »Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes«, hat auch meine neueste Storysammlung – »Die Zombies von Oz« – einen Werkstattbericht in der Nautilus (Nr. 80) bekommen – danke noch mal dafür, Jürgen!

Das Buch ist nun einen Monat erhältlich, und die nächste Nautilus ist vergangene Woche erschienen – da kann man dann schon mal den Werkstattbericht aus der letzten Nummer in Textform hier posten, würde ich sagen.

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Werkstattbericht

Die Zombies von Oz

Wunder, Cowboys, Zombies & mehr in
L. Frank Baums zauberhaftem Land


Es war einmal ein Autor, der hieß L. Frank Baum und veröffentlichte im Jahre 1900 den fantastischen Buchklassiker Der Zauberer von Oz. In seinem inhaltlich wie aufmachungstechnisch ziemlich revolutionärem, uramerikanischen Märchen erzählte der umtriebige Mr. Baum die Geschichte der kleinen Dorothy aus Kansas, die mit ihrem Hund Toto von einem Wirbelsturm gepackt und bis ins ferne Land Oz getragen wird. Dort erlebt Dorothy auf und abseits der berühmten gelben Ziegelsteinstraße allerhand magische Abenteuer, mit sprechenden Löwen und Vogelscheuchen und Blechmännern, bösen und guten Hexen und mit fliegenden Affen und falschen Zauberern, bevor sie am Ende wieder nach Kansas zurückkehrt und feststellt, dass es Zuhause eben doch am schönsten ist. Diesem ersten Oz-Roman folgten bis heute viele weitere Bücher, Bühnenstücke und Filme, die den Oz-Kanon beständig erweiterten. Vor allem der berühmte MGM-Musical-Film von 1939 mit der bezaubernden Judy Garland als Dorothy machte Baums Zauberer und das Land somewhere over the rainbow endgültig unsterblich.
Ein Stück dieser seit mehr als 100 Jahren gepflegten, heute mehr denn je länder- wie kulturübergreifenden Unsterblichkeit stirbt nun – und steht wieder auf und wankt durch die Gegend, wie anhand des Titels meiner neuen Story-Sammlung und des Umschlagmotivs von Volkan Baga unschwer zu erkennen ist.

Zombies

Zugegeben: Ein Buch mit dem Titel Die Zombies von Oz zu veröffentlichen, ist ein Stück weit ganz dreistes Kalkül, wenn gerade ein literarischer Klassiker nach dem anderen ›zombiefiziert‹ wird. Doch manchmal muss man sich einfach ins Wasser stürzen und die Wellen reiten, wie sie kommen.

Mir war außerdem immer wichtig, dass Die Zombies von Oz mehr wird als eine Zombie-Neuerzählung des Zauberers mit viel Gammelfleisch und Splatter – etwas völlig anderes als ein Stolz und Vorurteil und Zombies-Klon, ohne den Erfolg dieses und ähnlich gestrickter Werke kleinzureden oder sie schlecht zu machen. Deshalb setzt die Titelstory – ein Kurzroman, dem 12 mehr oder minder unabhängige Kurzgeschichten folgen, die hier und da höchstens eine gemeinsame Kontinuität vorschlagen – auch erst am Ende des ersten Oz-Romans ein, als Dorothy nach Kansas heimkehrt. Doch ihr Zuhause, nach dem sie sich so sehr sehnte, hat sich verändert. Schlimmer noch: Oz, in das Dorothy wieder flüchten muss, teilt das Schicksal einer dramatischen Veränderung zum Schlechten hin, einer Verheerung durch Zombies. Die Titelstory ist also keine Nacherzählung des Zauberers bloß eben mit Zombies- viel mehr wurde es ein eigenständiger Mix aus Horror, Fantasy und einer staubigen Prise Western, der den Oz-Klassiker fortsetzt und das gesamte Material des Mythos in einen neuen Kontext stellt, was auch für alle übrigen Geschichten gilt, auch wenn nicht alle zwangsläufig einen Zombie enthalten.

Verlockungen

Ursprünglich hatte ich vor, nur eine einzelne Kurzgeschichte zu schreiben – die ersten 20 Seiten des Kurzromans. Atlantis-Verleger Guido Latz wollte aber mehr, und so einigten wir uns auf einen Kurzroman. Genug Anreiz und Stoff bot die Idee zweifellos – das Grauen des Geschehens aus Sicht eines kleinen Mädchens zu schildern war eine willkommene Herausforderung. Und durch Frank, seines Zeichen abgebrühter Revolverheld und Co-Star, hätte ich einen interessanten Kontrast in diesem endzeitmäßigen Szenario zwischen dem Mittleren Westen und dem zauberhaften Land, während sich im Zombie ja sowieso vornehmlich unsere ständige unterschwellige Angst und unsere Machtlosigkeit angesichts des Sterbens und des Todes manifestieren.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis ich realisierte, dass dieses Buch wahrscheinlich eine einmalige Chance darstellte. Also entschied ich für mich, doch wieder eine komplette Storysammlung auf die Beine zu stellen – die Verlockung, Frank Baums fantastische Weltenschöpfung zu erkunden und mit den vielen interessanten Charakteren und Motiven zu jonglieren und von Sword-and-Sorcery über Dark Fantasy bis hin zu Weird Western alle fantastischen Subgenres zu bemühen, war einfach zu groß. Wann würde ich schon noch einmal die Gelegenheit bekommen, einen klassischen Superhelden mit Cape und Oz-Bezügen zu erschaffen? Oder den Großen Oz zu einem Bühnenzauberer zu machen, der von Dorothy erpresst wird und die Toten auferstehen lassen muss? Wann könnte ich noch einmal über eine gealterte Dorothy schreiben, die Besuch von einem Schuhsammler bekommt und in einem Strudel bitterer Erinnerung ertrinkt? Oder eine böse Version des ersten Zusammentreffens der Gefährten auf der Ziegelsteinstraße? Eine Story über die Reifeprüfung eines geflügelten Affen? Über die Sandläufer von Oz und das Geheimnis der Wüsten, die das Zauberreich umgeben? Und auch die Geschichte von Lionhearts letzter Jagd musste einfach erzählt werden.

Vermutlich kann man Die Zombies von Oz wie schon Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes als meine ganz persönliche Beschäftigung mit einem popkulturellen Phänomen sehen – mit einem Mythos, der mich schon einige Zeit fasziniert.

Wer sich während der Lektüre von Die Zombies von Oz wundern sollte, dass Fantastisches, Zauberhaftes, Trauriges, Gruseliges, Tragisches, Realistisches, Horrendes und sogar Romantisches in diese Sammlung einfließen konnte, der muss sich bei Frank Baum beschweren: Schließlich war er es, der uns den anregenden, in höchstem Maße inspirierenden Sagenschatz von Oz hinterlassen hat. Auf der anderen Seite trägt er natürlich keine Verantwortung für das, was wir am Ende nun damit anstellen oder welche Wunden und Gräber wir in letzter Konsequenz aufreißen.

Zuhause

Oz ist inzwischen für viele von uns eine Art literarisches Zuhause – »ein Land, das in uns lebt«, wie Greg Ruth (Freaks of the Heartland, Conan) in seiner Einleitung zur Sammlung schreibt.

Am Ende bestätigt hoffentlich auch diese etwas andere Reise ins zauberhafte Land, dass es Zuhause eben doch am Schönsten ist.

Christian Endres

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Excelsior!

Steckbriefbild

Samstag, November 20th, 2010

Nachdem mich Volkan für die Biografie hinten in »Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes« bereits einmal portraitiert hat, griff nun Namensvetter und Zombiebruder Krank zum Stift, damit wir hinten in »Die Anzeige« (die Bilder sind alle fertig, ich muss nun, sobald der aktuelle Panini-Stress verdaut ist, mal langsam das Layout machen) einheitliche Bilder über unseren Biografien stehen haben werden.

Coole Sache, wenn ihr mich fragt, und ich hab gar nicht so viel zu Meckern gehabt ;)

Excelsior!

Willkommen im Bayou, Natokh!

Samstag, November 20th, 2010

Zum Ende des tristen Novembers schlägt Panini noch mal mächtig zu: Von Warren Ellis’ erstes »Freakangels«-Trade über den dritten »Locke & Key« von Joe Hill bis zum neuen »Conan«-Band oder dem achten »Preacher«-Hardcover (lechz!) ist da wieder für jeden was dabei. Und der weise König aus dem Morgenland hat darüber hinaus noch das ja ohnehin großartige »Das lange Halloween« neu übersetzt (gezeichnet hat’s der atemberaubende Tim Sale, den ich diese Woche hier schon mal lobend erwähnt habe, falls euch der Name jetzt seltsamerweise bekannt vorkommt, obwohl ihr mit Comics nicht so viel am Hut habt), das es wahlweise als Paperback oder als Hardcover gibt.

Ich hab diesmal beim neuen MAX-Band mit dem Punisher und der Comic-Adaption von Robert E. Howards Conan-Kurzgeschichte »Natokh, der Zauberer« als emsiger Redakteur mitgemischt. Und für alle, die sich wundern, was zum Teufel ein »Bayou« ist – das musste ich auch recherchieren, aber dann habe ich liebend gern den Erklärbären gespielt im Editorial bzw. gegen Ende der Einleitung zum sehr unterhaltsamen MAX-Sammelband mit dem coolen Cover:

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[...]

Vorher steht für Frank jedoch ein Abenteuer in einem Bayou an. So nennt man seit dem 17. Jahrhundert die langsam fließenden oder gar stehenden Gewässer im Süden der USA, besonders in Louisiana. In den unzugänglichen Sumpfregionen sind die brackigen, alligatorenverseuchten Wasserläufe zwischen den Bäumen und Wurzeln oft die einzigen halbwegs zivilen Verkehrswege, wenn schon alles andere nicht zivil ist…

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Was me a pleasure. Und bevor ich’s vergesse und weil es hier gerade ziemlich comicmäßig zugeht: Mein Text zu Sfars »Die Tochter des Professors«, den ich Anfang der Woche hier im Blog geposted habe, ist inzwischen beim Tagesspiegel auf der Comic-Site online gegangen. Und bei der Gelegenheit gleich noch der Hinweis auf die Übersetzung des Interviews mit Bill Watterson, dem Vater von Calvin & Hobbes.

Excelsior!