Ansonsten: Bis auf den Text über Jeff Lemire habe ich diese Woche hier im Blog alles so geschafft wie angekündigt, oder?
Mit dem Lemire-Text warte ich in erster Linie deshalb noch etwas, weil der gute Mann – diese wirklich interessante Mischung aus einem jungen kandischem Will Eisner und einem Robert Kirman ohne Zombies – vielleicht auch ein schönes Thema für die winterliche phantastisch! wäre, da das zweite Trade von »Sweet Tooth« ja im Dezember erscheint (noch vor dem dritten »Madame Xanadu«-TPB, in dem auch die Hefte der süßen Joelle drin sein werden, und dem nächsten, siebten »Scalped«-TPB Anfang 2011).
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Die Zombies von Oz
Und diesmal ist es kein Traum
I. Rückkehr
Dorothy verabschiedete sich tränenreich von ihren drei Freunden, die ihr in so kurzer Zeit so sehr ans Herz gewachsen waren, und bedankte sich artig bei Glinda, der guten Hexe des Südens, die ihnen allen so viel Gutes getan hatte. Dann küsste die schöne Glinda Dorothy auf die Stirn, und Dorothy trat in die Mitte des Thronsaals, wo sie Toto auf den Arm nahm, die Augen schloss, drei Mal die Hacken ihrer silbernen Schuhe zusammenschlug und laut rief:
„Bringt mich nach Hause zu Tante Em!“
Auf einmal ging alles ganz schnell. Der lichtdurchflutete Thronsaal und die Gesichter ihrer Freunde verschwammen in einem funkelnden Strudel aus Farben und Formen. Bevor Dorothy sich versah, wurden sie und Toto von ungeahnten Kräften emporgehoben und davongetragen. Ein eisiger Wind kühlte ihre heißen Tränen und ließ sie die Augen zusammenkneifen – sein Rauschen und Pfeifen übertönte sogar Totos erschrockenes Gebell, das Dorothy ohnehin nicht hörte und nur spürte, weil Totos kleiner Hundekörper in ihren Armen heftig bebte und zitterte.
Der unbehagliche Flug dauerte zum Glück nicht lange. Am Ende kam es Dorothy so vor, als habe sie lediglich drei große Schritte gemacht, bevor sie auch schon der Länge nach ins Gras fiel. Dabei glitten ihr die silbernen Schuhe von den Füßen. Die magischen Slipper, in deren Besitz sie bei ihrer Ankunft in Oz gekommen war, glühten ein letztes Mal feurig rot auf und verschwanden im hohen, ungemähten Gras der Wiese. Dorothy fand sie nie wieder. Im Augenblick bemerkte sie jedoch nicht einmal, dass sie die magischen Schuhe überhaupt verloren hatte. Sie hatte nur Augen für das kleine neue Farmhaus und den schiefen neuen Stall, die Onkel Henry aus den Überresten der alten, vom Wirbelsturm zerstörten Gebäude gebaut haben musste, während sie im zauberhaften Land hinter dem Regenbogen gewesen war.
Beim Anblick des Farmhauses mitten in der flachen Landschaft strahlte Dorothy mit der Sonne am blassen, wolkenlosen Himmel über ihr um die Wette. Doch sie strahlte nicht allein wegen des wiederaufgebauten Farmhauses. Sie sah es, roch es und spürte es auch so mit jedem Grashalm, der ihre nackten Füße kitzelte: Sie war wieder Zuhause!
„Komm, Toto!“, rief sie aufgeregt, nachdem sie sich aufgerappelt und ihr Kleid glatt gestrichen hatte, an dem ihre Abenteuer in Oz nicht einfach so vorüber gegangen waren. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht rannte sie auf die abgeschossene Einzäunung des Hofes zu, hinter dem das kleine Haus wartete. Toto überholte sie laut bellend, bremste dann jedoch ohne Vorwarnung aus vollem Lauf und blieb genau unter dem Tor im Zaun stehen. Sein zotteliges schwarzbraunes Fell stellte sich auf.
Er knurrte leise und kehlig.
„Was machst du denn da, Toto?“, fragte Dorothy immer noch lachend und hielt ebenfalls an, damit sie nicht über ihren kleinen Freund stolperte. „Komm schon, weiter!“
Nur widerwillig setzte sich Toto wieder in Bewegung, und das auch nur, weil Dorothy ihn mit den Knien sanft anschob. Sein Nackenfell blieb wie bei einer alten Bürste aufgestellt. Dorothy bemerkte es nicht und rannte schnurstracks auf die Veranda des neuen Farmhauses zu, dessen von der Sonne ausgebleichte Stoffvorhänge zugezogenen waren. Die Tür dagegen war wie üblich nicht abgeschlossen und nur angelehnt. Dorothy, die ihre Tante und ihren Onkel überraschen wollte, bevor sie sich den beiden in die Arme werfen würde, öffnete sie vorsichtig.
Drinnen war es düster und warm.
„Hallo? Tante Em?“, fragte Dorothy leise.
Niemand antwortete ihr.
„Tante Em?“
Dorothy stieß die leise quietschende Tür ganz auf. Das Tageslicht drang wie ein lebendiges Wesen ins Haus und erhellte einen schmalen Streifen, der die Rückwand des einzigen Raums unter dem Dach jedoch nicht erreichte. Dorothy trat einen zögerlichen Schritt vor. Staub tanzte vor ihrem Gesicht. Da bemerkte sie erstmals den seltsamen Geruch, der sie an ein schlecht gelüftetes Krankenzimmer erinnerte, so wie damals, als Onkel Henry nach dem Schlangenbiss eine Woche lang schweres Fieber gehabt hatte.
„Onkel Henry?“
Etwas polterte in der stickigen Düsternis, ganz in Nähe des klotzigen alten Metallherds, der die gesamte rechte Wand für sich beanspruchte. Toto drückte sich an seinem Frauchen vorbei und knurrte und kläffte etwas an, das Dorothy in der Dunkelheit nicht sehen konnte.
„Tante Em?“, fragte Dorothy noch einmal unsicher.
Ein Dielenbrett knarrte, und Dorothy glaubte, schlurfende Schritte zu hören, die sich aus Richtung der eng beisammen stehenden Betten auf der anderen Seite des Tisches näherten, der den Raum wie ein klappriger Altar unterteilte. Sie spähte angestrengt ins Dunkel. Totos Knurren und Bellen wurde immer verzweifelter, so wie der faulige Gestank immer stärker wurde und Dorothy angeekelt das Gesicht verziehen ließ. Sie hielt den Atem an und spürte, wie ihr Herz zu rasen begann.
Ein Stuhl scharrte über die Dielen und fiel polternd um. Dorothy schmeckte den Staub, der dadurch aufgewirbelt wurde, zusammen mit dem Geruch nach Krankheit und Fieber auf den Lippen. Sie begann, vor Anspannung von innen heraus zu beben, als das Schlurfen so nahe kam, dass sie das Geräusch fast greifen konnte. Toto schnappte knurrend nach etwas, das sich langsam aus der Dunkelheit schälte.
Dann endlich sah auch Dorothy sie – und begann laut und schrill zu kreischen, als die beiden Gestalten ins Licht wankten.
Dorothy erkannte zwar die hageren, verhärmten Gesichter ihrer Tante und ihres Onkels … doch wie sie aussahen!
Onkel Henry fehlte der gesamte Unterkiefer – nur seine ausgetrocknete Zunge hing noch sinnlos herab. Der Rest seines fahlen, grauen Gesichts war wie eine Kerze in der Sonne zusammengeschmolzen. Er sah aus wie Wallace, der gut gelaunte Wanderarbeiter im letzten Herbst, den der Huf des Pferdes im Gesicht getroffen hatte. Onkel Henrys rechte Augenhöhle war leer, während das linke Auge Dorothy mit leerem Blick anstarrte. Das Lid fehlte, und auch um die Augenhöhle war das blanke, von Maden und Fliegen zerfressene Fleisch zu sehen. Einige der weisen Würmchen wanden sich sogar noch. Tante Em hatte dagegen nur noch ein paar dünne Haarbüschel auf dem fahlen Kopf, der an einen Totenschädel erinnerte. Etwas – oder jemand – hatte ihr die Nase und die Ohren abgerissen und beim Versuch, an was auch immer zu gelangen, außerdem ein paar Bissspuren in ihrer Schädeldecke hinterlassen. Ihr Kleid und die zerfetzte Schürze hatten unzählige Risse und Schlitze und waren mit Schmutz, Staub und Schlimmerem beschmiert.
Tante Em stierte Dorothy aus trüben, fiebrigen Augen ohne Verstand an und streckte langsam und ohne ein Wort die skeletthaften Arme nach ihr aus, von denen ein paar verfaulte Hautlappen herabhingen. Ihre gekrümmten Finger mit den langen gelben Nägeln sahen wie die Klauen einer bösen Hexe aus. Dorothy starrte in das hässliche Gesicht ihrer Tante und schrie und schrie und schrie – bewegen konnte sie sich nicht. Sie stand lediglich wie versteinert da, während die dürren Arme mit den Krallenhänden langsam, aber unaufhaltsam näher kamen.
Es war Toto, der Dorothy rettete, indem er sie fest in den Knöchel zwickte. Der Schmerz riss Dorothy aus ihrer Starre. Kurz bevor die Klauen sie erreichten, taumelte sie rückwärts aus der Tür. Dabei stolperte sie jedoch über Toto, der sich nicht entscheiden konnte, ob er bleiben und kämpfen oder Dorothy einfach folgen sollte. Dorothy fiel die hölzernen Stufen der Veranda hinab und schlug sich an den Kanten und dem rauen Holz Knie und Ellbogen blutig.
Die beiden schlurften davon unbeeindruckt ins Sonnenlicht und blieben unschlüssig auf der obersten Stufe der Veranda stehen. Sie strahlten ein gewisses Unbehagen aus, als wäre ihnen die ungewohnte Berührung der Sonne auf der verfaulten Haut unangenehm.
Dorothy indes versuchte verzweifelt, aufzustehen – doch ihr Körper versagte ihr so kurz nach dem Sturz noch den Dienst und protestierte mit stechenden Schmerzen gegen jede noch so kleine Bewegung. Mit vor Furcht geweiteten Augen rollte sie sich halb auf die Seite, damit sie zu ihnen empor blicken konnte, wie sie leicht schwankend und tumb vor sich hin starrend über ihr aufragten, nur durch ein paar breite Stufen von Dorothy und Toto getrennt.
Hier draußen im Licht sahen sie noch fürchterlicher aus, fand Dorothy, und begann heftig zu zittern.
Noch unmenschlicher. Noch albtraumhafter.
Die Fliegen, die sich sofort in großer Zahl auf sie und den Gestank der Fäulnis stürzten, machten es nicht besser.
Das Grauen schnürte Dorothy die Kehle zu. Sie konnte nicht einmal mehr schreien.
Onkel Henry setzte sich schließlich als Erster wieder in Bewegung und begann, so ungeschickt und steifbeinig wie eine Vogelscheuche die Treppe hinab zu wanken.
Dorothy wimmerte leise und versuchte vergeblich, sich hochzustemmen oder wenigstens ein Stück fort zu kriechen. Toto stellte sich tapfer vor Dorothy und bellte Onkel Henry wütend an, den nur noch eine Stufe vom Boden trennte.
Plötzlich zerriss ein Schuss die Luft und ließ Totos aufgeregtes Kläffen jäh verstummen.
Onkel Henrys Kopf platzte dagegen wie ein zu schnell gewachsener Kürbis im Sommer. Der Rest seines Körpers blieb noch einen Moment aufrecht stehen – dann drehte er sich wie ein gefällter Baum, kippte nach vorn und schlug unmittelbar neben Dorothy im Staub auf. Der bestialische Verwesungsgestank, der vom kopflosen, ausgemergelten Körper ihres Onkels und seiner zerschlissenen Latzhose ausging, ließ Dorothy würgen und ungeachtet ihrer Schmerzen panisch ein Stück zur Seite kriechen, fort von dem unglaublichen Verwesungsgestank, fort von den summenden, krabbelnden Fliegen.
In der Zwischenzeit zerfetzte ein weiterer Schuss die Luft.
Dorothy sah gerade noch, wie ihre Tante mit rudernden Armen nach hinten geworfen wurde und erneut in der fiebrigen Dunkelheit des Farmhauses verschwand.
Gleichzeitig schritt ein hoch gewachsener Mann an Dorothy vorbei, der sie oder die kopflose Leiche im Staub keines Blickes würdigte. Der Fremde trug ein verwaschenes Hemd und eine dunkle Lederweste, staubige Jeans und Stiefel, und einen grauen Schlapphut. Während er forsch auf das Farmhaus zuging, lud er seine doppelläufige Schrotflinte geräuschvoll durch und feuerte noch ein zweites Mal in die Dunkelheit jenseits des Türrahmens. Danach blieb er mit der Flinte im Anschlag auf dem obersten Absatz der Veranda stehen. Nach einer Weile beugte er sich bedächtig nach vorn, streckte den Arm aus, griff nach dem Knauf und zog langsam die Tür ins Schloss. Er hielt den Blick konzentriert auf den Staub im Türrahmen gerichtet, bis das Schloss hörbar zuschnappte. Danach drehte er sich um und kam gemäßigten Schrittes die knarrenden Stufen herab. Toto knurrte den Fremden genauso feindselig an, wie davor Onkel Henry. Der Mann ignorierte ihn jedoch, so wie er nach wie vor die Überreste von Onkel Henry ignorierte.
Lediglich Dorothy und ihre nackten Füße musterte er nun mit einem grimmigen, kritischen Blick.
Nach ein paar Sekunden schulterte der Fremde die Schrotflinte, spuckte zur Seite aus, schob sich die Hutkrempe mit dem Daumen ein Stück aus dem von dunklen Bartstoppeln beherrschten Gesicht und fragte knurrig:
„Dorothy, nehme ich an?“
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