Der frühe Vogel fängt den Wurm. Und mit Begeisterung für eine Sache schreibt es sich am leichtesten, wie nicht nur der große Ray Bradbury weiß. Manchmal endet das dann aber nach ein paar Stunden Recherche- und Schreib-Arbeit mit einem Artikel, den letztlich dann doch niemand abdrucken möchte oder kann – die Wirtschaftskrise hat halt auch die Magazine getroffen, und als Juno im Kino lief bzw. auf DVD herauskam, war Diablo Cody eben auch schon mal vielerorts ein Thema. Immerhin, eine kürzere Rezension ihres Romandebüts »Nackt«, das dieser Tage bei Kiepenheuer als plakativ aufgemachte Klappenbroschur erschienen ist, gibt es demnächst im Berliner Zitty. Der Artikel, den jeder zwar lobte, aber eben kein Plätzchen einräumen konnte oder wollte, gibt es indessen schon einmal hier:
Diablo Cody: Hollywoods heißeste Aufsteigerin
Dass man einen Enthüllungsroman über alle nur erdenklichen Sündenfälle und -pfuhle der modernen Unterhaltungsbranche am Besten als Insider schreibt und mit spitzer Feder und entwaffnender Offenheit munter aus dem Nähkästchen plaudert, haben Porno-Queen Jenna Jameson, Aufreißerkönig Neil Strauss und Musik-Produzent John Niven in den letzten Jahren hinlänglich bewiesen. Wer dann wie Diablo Cody auch noch ein Pseudonym hat, das nach mit Dynamit verschnittenem Viagra klingt, der muss natürlich ebenfalls über Stripperinnen, Stangentanz, Peepshows und die amerikanische Stripposphäre schreiben, und das am besten autobiografisch und nach einer Karriere als Internet-Bloggerin, die ihre anrüchig-anstrengende Striptease-Karriere genau unter die Lupe genommen hat.
Den verruchten Job im launischen Dollarregen auf der Bühne und an der vermaledeiten Stange nahm Cody ohnehin nur an, weil das bis dato viel zu brave Mädchen in ihr rebellierte und endlich mal richtig verrückt spielen wollte – was schließlich dazu führte, dass sie eines Tages vor einen Stripclub im winterlich-kalten Minneapolis stand und sich für einen Abend Tanz bis zum Höschen (und weit darüber hinaus) anmeldete. Die ultimative Flucht vor Spießigkeit und Normalität, »um nicht an Butterbroten zu ersticken, denen man die Rinde abgeschnitten hat«, wie Cody in ihrem Roman-Debüt betont. Allerdings: Nackte Mädchen sind auch nicht immer eine Lösung, wie es im kecken Enthüllungsroman, der jüngst bei Kiepenheuer auf Deutsch erschienen ist, ebenfalls so schön heißt.
Trotzdem war Codys unterhaltsame Blog-Analyse des Stripperinnen-Daseins das Startbrett für die erstaunliche Karriere von Hollywoods heißester und inzwischen wohl auch gefragtester Aufsteigerin. Denn für Diablo Cody heißt es längst nicht mehr allabendlich Hüllen fallen lassen oder just for fun bloggen – mittlerweile heißt es für sie Romane und Drehbücher verfassen, Talkshow-Auftritte, Interviews, Oscar-Verleihung und ein Job als Dialogschreiberin für eine Sitcom nach einer Idee von Regie-Altmeister Steven Spielberg.
Ob die 1978 als Brook Busey in Chicago geborene Diablo Cody (Ursprung des Pseudonyms ist übrigens der Song El Diablo, der im Radio lief, als sie nach ihrer Vegas-Hochzeit gerade durch das von Buffalo Bill mitbegründete Städtchen Cody fuhr) sich so einen Erfolg vorgestellt hat, als sie über ihr neues Stripperinnen-Ich bloggte? The Pussy Ranch, wie ihr Blog hieß, erweckte jedenfalls die Aufmerksamkeit von Filmproduzent Mason Novick. Dieser verhalf Cody zu einem Verlagsvertrag für »Nackt« und, woraus Interesse an ihrem Drehbuch zur sympathisch-witzigen Außenseitergeschichte Juno folgte. Ihren spritzigen Blogger-Charme hat Cody sich indessen auch für die Romanfassung ihrer Stripperinen-Autopsie bewahrt, wo sie abermals Alltag, Sorgen, Chancen und Gedanken der modernen Neon-Geishas aus ihrer Sicht und Erfahrung beschreibt.
Interessant an Codys Werdegang ist natürlich vor allem, dass das Internet wieder einmal als Indikator für eine Erfolgstory dient: Im Netz und gerade der Blogger-Szene pflegt man entweder gar keine oder aber eine sehr direkte, von Schnelligkeit und aggressiver Offenheit geprägte Sprachkultur. Codys Roman, aber auch ihre Drehbücher leben von ihrer frechen Schnauze und den ungeschminkten Sätzen und Dialogen – moderne Eloquenz direkt aus dem Leben und made im Web 2.0, wenn man so möchte. Und darauf aufbauend eine Karriere, so steil und rasant wie ein Raketenstart – fast schon beängstigend.
Da tat es beinahe gut, dass Cody bei der letztjährigen Orscar-Verleihung Nerven gezeigt hat, als sie von Harrison Ford den Academy Award für das beste Originaldrehbuch (Juno) entgegen nahm und bei der Danksagung am Ende die Stimme brach und die Tränen flossen.
Die Frau sieht also nicht nur gut aus, hat Witz oder schreibt draufgängerisch forsch und natürlich unverblümt – nein, am Ende ist Hollywoods coole Überfliegerin im rechten Augenblick auch noch sympathisch menschlich.