
»Atlantic 12«, S & L 2012
Auf der gedruckten Comic-Seite im Tagesspiegel gab es vergangene Woche schon die Kurzrezension – hier nun die Langfassung meines Textes zu Altmeister Francois Schuitens surrealer Geschichte bzw. Reise in »Atlantic 12«.
Wer – wie Schuiten – auch in diesem Jahr vermutlich wieder keine Modell-Eisenbahn kriegen wird, die im Oval um den herausgeputzten Weihnachtsbaum schleicht, kann sich ja mit dieser Geschichte über Dampfloks, Fortschritt und Tradition trösten, die obendrein auch noch eine Weiche in die erweiterte Realität enthält.
Als ihm die Idee zu „Atlantic 12“ kam, arbeitete François Schuiten gerade als Bühnenbildner für ein Projekt des Eisenbahnmuseums in seiner Heimatstadt Brüssel, wo der Comic-Künstler in der Nähe des Bahnhofs Schaerbeek wohnt. Das in diesem Umfeld auf die Schienen gehobene Schwarz-Weiß-Album ist Schuitens erster Comic, den er auch selbst geschrieben hat. Für Eisenbahnen begeistert Schuiten sich hingegen schon länger. Denn bereits als Kind, so Schuiten, habe er sich immer eine Eisenbahn gewünscht, von seinem Vater aber stets bloß Malkästen geschenkt bekommen. Eisenbahnen haben den 1956 geborenen Belgier trotzdem immer fasziniert, besonders die Art und Weise, wie sie die Menschen und die Welt verändert hätten.
Von den Reisen und Abenteuern, für die sie stünden, ganz zu schweigen. Um eine letzte Reise – ein letztes Abenteuer – geht es auch in „Atlantic 12“. Schuiten erzählt darin die Geschichte des alten passionierten Lokführers Van Bel, dessen geliebte Dampflok „12.004“ ausrangiert wird, da sie sich gegen den elektronischen Fortschritt auf den Gleisen und die Vorzüge der Seilbahn nicht mehr durchsetzen kann, während es für Van Bel und seinen Heizer trotz aller Erfahrung und Hingabe obendrein immer schwieriger wird, die Zwölf mit so wenig Kohle wie möglich sicher und schnell durch überflutete Gebiete zu bringen.
Allerdings ist Schuitens Comic nur auf den ersten Blick der verklärte Kommentar eines Dampflokomotiven-Liebhabers und Nostalgikers, der gegen den unaufhaltsamen Fortschritt wettert… [weiter]
Excelsior!